" Zu Wasser und zu Land, aktiv sein im Ruhestand "


                                     

              

                       
                             INTERVIEW        
                  
Willy  Dumont im Gespräch mit Elvira Braun

Willy Dumont,  Physiotherapeut, Jahrgang 1931, hat 44 Berufsjahre hinter sich; davon über 26 Jahre in Gemeinschaftspraxis  mit seiner Ehefrau Eleonore Dumont in Mannheim. Von 1974 bis 1980 war er Mitglied im  Vorstand des ZVK. Das Gespräch wurde am 7.12.1999 geführt (Abb.)
                                          

Braun:
Ich freue mich, dass ich heute zu unserem Gepräch bei Ihnen sein kann. Sie haben 26 Jahre lang mit Ihrer Frau zusammen in Mannheim eine Krankengymnastik-Praxis mit einem sehr guten Ruf geführt. Ihr Jahrgang lässt darauf schließen, dass Sie es mit Ihrer Berufswahl und Ausbildung nicht einfach gehabt haben.

Dumont: Meine Kindheit wurde weitgehend durch den Krieg bestimmt. So wurde ich noch in den letzten  Kriegstagen als 14
Jähriger im sogenannten Volkssturm eingesetzt. Diese Zeit würde ich gerne vergessen. Der anschließende Eintritt ins Berufsleben war in den Wirren der Nachkriegszeit recht schwierig. Die große Zahl der zurückströmenden Kriegsheimkehrer und die wenigen, noch ungeordneten Ausbildungsmöglichkeiten, ließen eine individuelle Berufswahl nicht zu. Infolge der Kriegsumstände war meine Familie in die Pfalz verschlagen worden. Nachdem mein Vater heimgekehrt war, eröffnete er ein Sanitätsgeschäft. Dadurch konnte ich im elterlichen Betrieb eine Lehre als Orthopädiemechaniker absolvieren. Als nach der Währungsreform die damaligen Zonengrenzen durchlässiger wurden, ergab sich die Gelegenheit an der Chirurgischen Universitätsklinik in Heidelberg an einer Massageausbildung teilzunehmen.

Braun: Haben Sie danach als Masseur gearbeitet?


Dumont: Durch die vielen Spätheimkehrer, die aus der Gefangenschaft zurück kamen, war es nach dem Examen schwierig,
eine Stelle zu finden.  Nach einigen Monaten hatte mein Suchen ein Ende. Ich konnte im Pfaffbad, einem städtischen Badebetrieb in Kaiserlautern, eine Stelle als Masseur und medizinischer Bademeister antreten. Eines Tages gab es einen "Klick", der meinen weiteren Berufsweg geprägt hat.

Braun: Jetzt bin aber gespannt!


Dumont:Durch den Berufsalltag lernte ich das Fußballidol Fritz Walter und seine Kameraden kennen. Die "Roten Teufel" hatten damals im Fußballsport einen recht hohen Stellenwert. Nach einiger Zeit fragte mich Fritz Walter, ob ich die Mannschaft des FC Kaiserslautern  beim Training und den Spielen betreuen wolle.

Braun:  Dann kennen Sie Fritz Walter schon lange Zeit persönlich?

Dumont: Ja, schließlich begab er sich fast zwei Jahrzehnte in meine Hände. Die Fußballmannschaft des 1. FCK habe ich von 1951 bis 1958 betreut. Das war eine tolle Zeit! Obwohl diese Tätigkeit nebenberuflich ablief, nämlich nach Feierabend, über das Wochenende und unter Verwendung meines Urlaubs, möchte ich keine Stunde davon missen. Bei wichtigen sportliche Ereignissen war ich rund um die Uhr im Einsatz. Aber ich war jung und es war eine tolle Herausforderung, an die ich gerne zurückdenke.

Braun:  Wie unterscheiden sich Sportler von den sonstigen Patienten?


Dumont: Im Sport spielt die Vermeidung oder Beseitigung von Funktionsstörungen oder Schäden an Muskeln und Gelenken die Hauptrolle. Oft beginnt die Behandlung schon am Unfallort. Denn die Wiederherstellungsphase soll so kurz wie möglich sein. Doch nicht selten ist der Leistungssportler so stark motiviert, dass man ihn bremsen muss - im Gegensatz zu vielen Patienten mit den wir es sonst zu tun haben.  In der täglichen Arbeit mit Sportlern habe ich viel über die Möglichkeiten und Grenzen der sportmedizinischen Betreuung  und über den Umgang mit Menschen gelernt.

                                             
                                                                     Empfang in Kaiserslautern nach der Weltmeisterschaft 1954                                                     
Braun:   Blieb es bei der Tätigkeit beim FCK?

Dumont: Zu dieser Zeit gehörten sechs  Spieler des FCK zum Kern der Nationalmannschaft. So wurde ich allmählich auch in die Planungen des Deutschen Fußballbundes  einbezogen. Unter den Bundestrainern Sepp Herberger und später Helmut Schön wurde ich in den Jahren 1953 bis 1958 bei vielen Trainingslehrgängen und einigen Länderspielen der A- und B- Nationalmannschaft eingesetzt. Im Gegensatz zum heutigen Leistungssport  waren damals die kommerziellen Bedingungen recht bescheiden. Es war noch eine Ehre, für Deutschland zu spielen. Zum Beispiel bekamen die Spieler nach dem Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 1954 eine Prämie von 2000 DM.  Der Mannschaftsgeist und die Freude am Sport  spielten zu dieser  Zeit die Hauptrolle.

Braun:Wie lange sind Sie im Pfaffbad der Stadt Kaiserslautern geblieben, beim gleichzeitigen Engagement im Sport?

Dumont:Im Jahr 1956 wechselte ich zum Sportbund Pfalz.  Diese Institution setzte damals Maßstäbe für die Therapie und Rehabilitation von Sportverletzten. Hier hatte ich die Gelegenheit, mit einem erfahrenen Krankengymnasten,  Albert Sand, zusammenarbeiten.

Braun:Sportphysiotherapie gab es noch nicht. Sie mussten also selbst  einiges finden, um den Aufgaben gerecht zu werden.

Dumont: Richtig, den Begriff Sportphysiotherapie gab es damals noch nicht und  auch die Sportmedizin steckte noch in den Anfängen.  Doch ich hatte Zugang zu grundlegenden Arbeiten, die auch zukunftsweisende Erkenntnisse aufzeigten. Auf dieser Basis konnte ich aufbauen. Dabei war auch der Erfahrungsaustausch und die Zusammenarbeit mit meinem krankengymnasten Kollegen sehr hilfreich.

Braun:Gab es noch andere, von denen Sie gelernt haben?

Dumont: Der ärztliche Berater des Sportbundes  Herr Prof. Dr.med. Schulze, stand mir stets mit Rat und Tat zur Verfügung, wenn ich mit einem fachlichen Problem nicht weiterkam. Seine Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu machen und praxisgerecht zu vermitteln, haben mir ebenso wie seine sachlich, konstruktive Kritik geholfen. Er war ein begnadeter Diagnostiker, der vor allem auch die funktionellen Hintergründe einer Störung erkannte. Röntgenbilder und blitzende Technik dienten ihm oft nur zur Bestätigung seiner Diagnose. Es war faszinierend, ihm zuzusehen. Dank seiner Hilfe konnte ich Kenntnisse und Fähigkeiten entwickeln, die bis dahin in der Therapie von Sportverletzten nicht zur Verfügung standen.  Im  praktischen Alltag der Sportlerbetreuung mussten viel Probleme vor Ort eingeleitet und gelöst werden.  In den 50 er Jahren stand bei Training und Wettkampf nur selten ein Arzt zur Verfügung. Meist war ich der erste Ansprechpartner wenn eine Verletzung auftrat. Wenn wir zum Beispiel bei einem Länderspiel in Moskau waren, konnten man nicht einfach jemand fragen  oder auf Anweisungen gewartet werden. Es mußte sofort, in Absprache mit dem Trainer, verantwortungsvoll gehandelt werden.

Braun:Bis zu diesem Zeitpunkt waren Sie immer noch Masseur und med. Bademeister, wie sind sie denn Krankengymnast geworden?

Dumont:Um meinen Wissens- und Tatendrang in geordnete Bahnen zu bringen, wollte ich eine Ausbildung zum Krankengymnasten machen. Nun war das nicht so einfach, denn zur damaligen Zeit gab es kaum Krankengymnastikschulen die Männer aufnahmen. Mein Mentor, Prof. Dr. Schulze, kannte die damalige Schulleiterin der KG-Schule in Hamburg-Eppendorf, Frau Christa Dültgen. Dank seiner Fürsprache bekam ich dann einen Ausbildungsplatz in Hamburg und wurde so zu einem der ersten männlichen Krankengymnasten, die nach dem Krieg ausgebildet wurden. Diese Zeit war für mich besonders fruchtbar, denn durch meine Vorkenntnisse und Erfahrungen fand ich in allen Fächern sofort einen praktischen Bezug. Immer wieder erfuhr ich eine Bestätigung meines bisherigen Wirkens. Nun konnte ich mich mehr mit den Grundlagen  beschäftigen und funktionelle Zusammenhänge besser begreifen.
In dieser Zeit habe ich auch meine Frau kennengelernt.


Braun: Was war nach der Ausbildung?                                   

                                   Examensfeier Hamburg-Eppendorf 1959     

Dumont:Nach dem Examen ging ich nach Kaiserslautern zurück, schließlich hatte mir der Sportbund für meine KG Ausbildung ein Darlehen bewilligt, das ich nun abstottern musste. 1960 wurde mir die Leitung des sportbundeigenen Instituts mit dem Auftrag übertragen, diese Einrichtung zu einem leistungsfähigem Behandlungszentrum für Sportverletzte auszubauen. In der Folge entstand ein modern ausgestatteter Behandlungsbereich, in dem sechs Krankengymnasten für die Sportverletzten aus allen Sportarten zur Verfügung standen. Darüber  hinaus war durch den ärztlichen Berater, Prof. Dr. Schulze, der in der Traumatologie und Gelenkchirurgie einen hervorragenden Ruf hatte,  eine optimale Klinikanbindung gegeben.  Da die Behandlungskosten durch den Sportbund Pfalz abgedeckt waren, konnten die bestmöglichen therapeutischen Mittel eingesetzt und  verkürzte  Rehabilitationszeiten erreicht werden. Über viele Jahre wurde das Therapiezentrum, wegen seiner Effizienz, weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und geschätzt.
Unerwartet - wie ein Blitz aus heiterem Himmel, traf uns der Tod des  Mentors Prof. Dr. Schulze.
Dieser  Schlag war für mich ein Signal um zu einer neuen Perspektive zu kommen.

Braun: Warum war die Präsenz  von Prof.  Schulze für Sie so entscheidend?


Dumont:  Der Rückhalt, den mir Prof. Schulze gegeben hatte, fiel nun weg. Ich war also künftig der Willkür von Sportfunktionären ausgesetzt, die aus Kostengünden eine Umstrukturierung planten. Außerdem wollte ich nach 17 Berufsjahren im Angestelltenverhältnis, auf eigenen Beinen stehen.


Braun: Was bot sich dann für Sie an?


Dumont:  Zusammen mit meiner Frau, einer krankengymnastischen Kindertherapeutin, haben wir 1968 in Mannheim eine Krankengymnastik-Praxis eröffnet.  Der Anfang war schwierig. Die niedergelassenen Ärzte hatten zu dieser Zeit von den Leistungsinhalten der Krankengymnastik fast keine Ahnung. Sie kannten Massage und weiter nichts. Wir hatten zwar eine Finanzreserve für ein halbes Jahr, doch die war nahezu aufgebraucht. Nur mit großem Einsatz, viel Überzeugungsarbeit und positiven Behandlungsergebnissen konnten wir uns allmählich durchsetzen.

Braun: Wie kam es zu dem Unterschied zwischen Ihrer Einschätzung über die zukünftige Praxisarbeit und Ihren Erfahrungen im Behandlungszentrum?

Dumont: Nach dem Tod von Prof Schulze hatten wir mit dem Klinikum in Mannheim zusammengearbeitet. Zwei Klinikärzte haben mir geraten, nach Mannheim zu kommen, da es dort eine Unterversorgung in der chirurgischen Nachbehandlung gäbe.  Ich konnte jedoch nicht ahnen, dass die nachklinische Behandlung  von den Hausärzten, meist aus mangelnder Kenntnis, nicht weiter verordnet wurde. Beim Sportbund hatten wir die therapeutischen Möglichkeiten recht freizügig nutzen können, da wir mit den Kosten nicht direkt konfrontiert wurden.  In der freien Praxis ist man jedoch  von der Verordungsweise und den Kenntnissen der niedergelassenen Ärzte abhängig.  Es besteht also ein begrenzter therapeutischer und wirtschaftlicher Spielraum.

Braun:Konnten Sie Iíhre reiche Erfahrung im Umgang mit Sportverletzten in der Praxis einsetzen?


Dumont:  Obwohl nach einer gewissen Anlaufzeit eine Reihe von Leistungssportlern den Weg nach Mannheim gefunden haben, kam der überwiegende Teil der Patienten mit orthopädischen, neurologischen und pädiatrischen Indikationen zu uns. Doch auch in diesen Bereichen führen die innovativen Ansichten und kreativen Behandlungsweisen der Sportphysiotherapie zu besseren Ergebnissen. Ein Höhepunkt meiner beruflichen und persönlichen Erfahrungen war für mich die Nominierung bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Dabei handelte es sich um eine ehrenamtliche Aufgabe im krankengymnastischen Betreuungsteam für die Olympiateilnehmer. Etwa ein Dutzend Krankengymnasten wurden dort für sechs Wochen eingesetzt. Gerne erinnere ich mich an die Kollegen: Margrit List, Ingeborg Liebenstund, Barbara Böhm, Erika Staehle, Werner Kuprian, Lutz Meissner und Jürgen Krummrei.

Braun: Diese Aufgabe war ehrenamtlich, Sie wurden in dieser Zeit also nicht bezahlt?


Dumont:Für den Einsatz bekamen wir einen Ehrendollar und eine Urkunde überreicht. Wir waren stolz, dabei sein zu können. Besonders gefreut hat mich die Anerkennung durch den Cheforganisator, Siegfried Perrey, der sich bedankte, nachdem ich einigen verletzten Athleten die Finalteilnahme ermöglicht hatte.  Auch der australische Olympiasieger über 3000 m Hürden bedankte sich persönlich.

Braun: Was gab es noch an medizinischer Betreuung der Olympiateilnehmer?


Dumont:Im olympischen Dorf war ein Ärztezentrum eingerichtet, in dem die Athleten aller teilnehmenden Nationen medizinisch betreut wurden. In diesem Gebäude war auch die Physiotherapie untergebracht, die unter der Leitung von Prof. Dr. Schobert und Dr. Gerner stand. Die Zusammenarbeit im KG-Team war harmonisch und unkompliziert. Bei der Arbeit hatten wir den therapeutischen Spielraum, der für eine wirkungsvolle Sportlerbetreung notwendig ist.

Braun:Dann haben sie alle auch den Anschlage auf die israelische Olympiamannschaft miterlebt und trotzdem ihre Arbeitsfähigkeit erhalten müssen. Das stelle ich mir sehr schwierig vor. Aber kommen wir auf unser Thema zurück.  Wurden Sie auf diesen Einsatz vorbereitet?

Dumont: Ja, unter der Obhut des Zentralverbandes Krankengymnastik wurden durch Werner Kuprian über den Zeitraum von drei Jahren, mehrere Lehrgänge vorbereitet und durchgeführt.
Ich selbst konnte auf meine 18 jährigen, einschlägige Berufspraxis aufbauen.


Braun:Wie kam es zur Vorstandstätigkeit im Zentralverband Krankengymnastik?


Dumont:Eines Tages wurde ich von der damaligen Führungsspitze des ZVK, L. Ch. Hadank und Frau Dr. Bergholtz, gefragt, ob ich im Vorstand mitarbeiten wolle. Da ich mich nicht gerne in den Vordergrund stelle, lehnte ich dankend ab. Aber die Damen ließen nicht locker und appelierten an mein berufsständisches Gewissen. Schließlich haben sie mich ebenso überredet, wie Sie mich zu diesem Interiew gebracht haben.
Nachdem Antje Hüter aus dem Vorstand ausgeschieden war, bin ich im Jahr 1974 nachgerückt und war somit der erste Mann an dieser Stelle. Antje Hüter war weiterhin in der Berufspolitik in verschiedenen Positionen tätig gewesen und hat der Krankengymnastik viele positive Impulse gegeben. Sie hat mich in der Anfangszeit unterstützt und den Vorstand oft bei der Formulierung von wichtigen Gutachten und Anträgen beraten. Sie fand einfach die richtigen Worte, die für die entsprechenden Stellen nötig waren. Dass sie im November 1999 beim Jahreskongress die Ehrennadel des ZVK erhalten hat, war längst fällig. Ich habe hohen Respekt vor ihrer Leistung!


Braun:Ähnliches hat Antje Hüter von Ihnen gesagt, als ich mich auf dieses Interview vorbereitete. Sie meinte, dass Sie kein lautes Vorstandsmitglied, sondern eher ruhig, verlässlich und konstant tätig waren....


Dumont:....einer der gearbeitet hat! Und da sind wir auch bei der Schattenseite eines solchen Ehrenamtes. Im Vorfeld habe ich das Ausmaß dieser Aufagbe unterschätzt. Von nun an war jeder Abend mit Vorstandsarbeit belegt, und am Wochenende war ich oft zu Sitzungen und Besprechungen unterwegs. Freie Tage gab es kaum.
Zu dieser Zeit waren wir noch reine Wochenendfunktionäre. Zwar wurden die Spesen vergütet, doch durch Abwesenheit entstandene Verdienstausfall konnte damit nicht kompensiert werden. Um die KG-Praxis nicht zu gefährden, musste ich schließlich Mitarbeiter einstellen. Am meisten betroffen waren unsere drei Kinder, die damals den Vater mehr gebraucht hätten.


Braun: Sie und Ihre Frau haben drei Kinder großgezogen, aus denen wohlgeratene Erwachsene geworden sind. Dies bei Arbeitstagen, die sicher weit über acht Stunden täglich umfassten. Zusätzlich noch das berufspolitische Engagement. Das ist eine enorme Leistung von Ihnen und Ihrer Frau, vor der ich Respekt habe.

Dumont:In erster Linie ist das ein Verdienst meiner Frau. Auch wenn es manchmal schwer war, sie hat mir immer den Rücken frei gehalten.

Braun:Welche Aufgaben haben Sie im Vorstand des ZVK übernommen?


Dumont:Ich hatte mich vor allem für die Belange der freiberuflichen Kollegen einzusetzen. Zum Beispiel gab es damals keine gesicherten Daten über die Kostensituation der KG-Praxen. Durch eine bundesweite Umfrage, konnten Kalkulationsgrundlagen ermittelt werden, die bei den Kassenverhandlungen berücksichtigt wurden und eine Anhebung des Geührenniveaus möglich machten. Ein weiteres Anliegen war es, die Weiterentwicklung der Krankengymnastik in den Leistungsverzeichnissen der Krankenkassen zu verankern. Nach zähem Ringen gelang es allmählich, die Behandlung von zentral bedingten Bewegungsstörungen im frühen Kindesalter, sowie die Krankengymnastik bei zerebralen Dysfunktionen und die Manuelle Therapie in den Leistungskatalog der Kostenträger  einzubringen. Gegen große Widerstände, auch aus der Ärzteschaft, konnte schließlich 1979 die Anerkennung einer Leistungsbeschreibung  durch die Krankenkassen erreicht werden.  Auch die Integration der Manuellen Therapie war sehr beschwerlich. Obwohl bereits 1975 eine enge Zusammenarbeit mit Dr. Frisch und Freddy Kaltenborn bzw. der Deutschen Gesllschaft für Manuelle Medizin vereinbart wurde, dauerte es mehrere Jahre, bis alle Hemmnisse überwunden waren.
Ebenso waren die Sicherung des Begriffes "Physiotherapie"  und die Schaffung einer  "Berufsordnung für Krankengymnasten" für mich wichtige Eckpunkte in dieser Zeit.

Braun:hatten Sie bei diesen zähen Verhandlungen Unterstützung oder mussten Sie alles allein ausfechten?


Dumont:Um zu einem tragfähigen Ergebnis zu kommen, braucht man immer ein Team. Was nützt ein guter Gedanke, wenn er keine Mehrheit findet! Grundsätzliche Themen werden oft in Einzelarbeit vorbereitet, dann in den Gremien beraten und schließlich mit dem jeweiligen Vertragspartner verhandelt. Sondierungen, Stellungnahmen und Gutachten sind meist Einzelaktionen. So waren L. Ch. Hadank, Dr. Bergholtz und ich für die Verhandlungen mit den Kostenträgern verantwortlich. Später kam noch H.S. Reichel dazu. Bei den Integrationsbemühungen um die Manuelle Therapie waren unzählige Sitzungen, Beschlüsse und Einzelgespräche erforderlich.

Braun: Was kam nach 1980, nachdem Sie die Vorstandsarbeit beendet hatten?


Dumont:Bei den Vorstandswahlen 1980 bin ich nicht mehr angetreten, obwohl das viele bedauerten. Aber das Leben ist nun mal keine Einbahnstraße, gelegentlich muss man auch mal abbiegen. Die sechs Jahre im Vorstand waren eine fruchtbare Zeit, in der ich einiges bewirken konnte und selbst viel gelernt habe. Dabei habe ich interessante Menschen kennen gelernt und einige Freunde gewonnen.
Tja, danach habe ich mir ein seegehendes Segelschiff gekauft und in meiner freien Zeit unvergessliche Segeltörns unternommen.


Braun:Das ist ja toll !  Wie kamen Sie denn dazu, waren Sie früher auch schon auf dem Wasser?


Dumont: Das Segeln war schon immer eine heimliche Liebe von mir. Doch bis dahin konnte ich nur davon träumen. Erst nach dem Ausstieg aus der Berufspolitik habe ich den nötigen Freiraum dafür geschaffen.


Braun: Im Übrigen war da ja noch die Praxis oder haben Sie hier und da noch andere Aufgaben übernommen?

Dumont: Natürlich war die tägliche Herausforderung in der Praxis vorrangig. Doch des Öfteren konnte ich nicht  "nein" sagen, wenn meine Meinung gefragt war. So war ich noch eine ganze Weile dem ZVK bei Stellungnahmen behilflich. Auch die Praxisabnahmen für den Landesverband habe ich noch einige Jahre weitergeführt.
Schon vorher hatte ich von 1960 bis 1968 beim Sportbund regelmäßig Fachreferate gehalten. Bei Lehrgängen, Seminaren und Kongressen - z.B. des Sportärztebundes Rheinland/Pfalz, der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie-Tramatologie, der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, den Fachärzten für Orthopädie, der AG Sportmedizin im ZVK und andere mehr, habe ich über krankengymnastische  Themen referiert.  Dabei konnte ich  Ansichten zur  krankengymnastischen Behandlung von Muskelfunktionsstörungen, Koordinationsschwächen, Wirbelsäulenbeschwerden, Schultererkrankungen, instabilen Kniegelenken u.a.m. vermitteln.


Braun:  Wurden Ihre Vorträge veröffentlicht?


Dumont:Nachdem mich Antje Hüter darauf angesprochen hatte, wurden einige meiner Arbeiten in der  "Zeitschrift für Krankengymnastik"  veröffentlicht.

Braun: .... dann haben Sie auch Freude am Schreiben?


Dumont:Anfänglich nicht. Doch wenn ich einen Sachverhalt gedanklich bearbeite, dann halte ich dies gerne schriftlich fest. Das ist sicher ein Stück Disziplin in der Absicht, das Thema zu ordnen und für später festzuhalten. Wenn ich so mittendrin bin, macht es mir Spaß, etwas zu gestalten. Schließlich lerne ich selbst dabei immer am meisten.


Braun:Das ist richtig!   Sie haben mir im Vorhinein erzählt, dass Sie aufgund einer Hüftgelenkarthrose bzw. -operation vorzeitig aus der Praxis ausgestiegen sind.
Ist Ihnen der Abschied aus dem Berufsleben schwergefallen?


Dumont:Ja!  Letztlich war es das Ende von 43 interessanten und erfüllten Berufsjahren. Doch wenn man als Therapeut mehr Schmerzen hat als seine Patienten, dann geht es einfach nicht mehr. Ich habe meinen Beruf immer mit großem körperlichem Einsatz und Engagement ausgeübt. Mich auf einen Stuhl zu setzen und Kommandos zu geben - das könnte ich nicht. Der manuelle und sensitive Kontakt zum Patienten war mir immer sehr wichtig. Wer nicht mitmacht und mitspürt, was der Patient empfindet, verschenkt wertvolle therapeutische  Einflüsse.
Jetzt habe ich genügend Abstand gewonnen. Nun ist der Beruf für mich Vergangenheit.


Braun: Ein Stück Vergangenheit, das Sie mit Ihrer Frau auch auf der beruflichen Ebene geteilt haben.


Dumont: Das kann man sagen. Immerhin haben wir zusammen mehr als 80 Berufsjahre hinter uns gebracht. Den größten Teil davon in einer gemeinsamen Praxis. Dadurch konnten wir uns auch wirtschaftlich eine gute Basis für den Ruhestand schaffen. Das ist leider nicht selbstverständlich. Ich habe einige Male gesehen, dass Kollegen durch ihr starkes Einbringen in die Berufspolitik die eigene wirtschaftliche Zukunft aus den Augen verloren haben und im Rentenalter auf keinem grünen Zweig standen.

Braun:Nun haben Sie sich nach dem Ausstieg aus der Praxis der Verwirklichung Ihres Segeltraums gewidmet. Wie Sie mir schon erzählt haben, ist Ihre Frau ebenso begeistert vom Segeln wie Sie. Es gelingt nicht vielen Menschen, aus ihren Träumen Realität werden zu lassen.

Dumont:Nachdem meine Frau ihre KG-Kinderpraxis aufgegeben hatte, begann für uns ein neuer, interessanter Lebensabschnitt. Bereits in den 80 er Jahren haben wir mehr als 30.000 Seemeilen im Mittelmeer mit unserer GIB SEA 38`gesegelt. Damals war das aus beruflichen Gründen nur in den Praxisferien möglich.                                       
                                                                                             
                                                          
Zusätzlich fanden wir Spaß am Jollensegeln, das wir an den Wochenenden betreiben konnten. Als ich mit 55 Jahren meine erste "Schwertzugvogel-Regatta" bestritt, erklärte mir ein hochrangiger Segelfunktionär: "In dem Alter lernt man das nicht mehr". Doch was man gern und intensiv macht, das gelingt auch .... meistens.  Wir  wurden immer besser und können mit unseren Ergebnissen im Wettkampfsegeln sehr zufrieden sein.  Kürzlich habe ich erfahren, dass wir auch in diesem Jahr Hessenmeister in der SZV-Klasse geworden sind  und das in der Konkurrenz mit vielen jungen Seglern.
                                                              
                                                                           "allez hop"  im Englischen Kanal
Für den Ruhestand haben wir uns eine DRAGONFLY 1000 zugelegt, das ist ein schneller Trimaran (ein Boot mit drei Rümpfen). Damit haben wir in Etappen Europa umsegelt. Unsere bisherigen Hochseereisen wurden vom Deutschen Segler Verband mehrfach mit Gold- und Silbermedaillen ausgezeichnet. Die dazu gehörigen Reiseberichte wurden in den Nautischen Nachrichten der Kreuzer Abteilung veröffentlicht.

Braun:Alle Achtung. Da steckt ein großer Reichtum an Ideen und Energie in Ihnen und Ihrer Frau!

Dumont: Es war schon immer so. Wenn wir etwas tun, dann mit vollem Einsatz und so gut wie möglich. Für uns ist die Auseinandersetzung mit der Natur ebenso faszinierend wie der Wettkampf mit jungen Menschen. Gerade bei längeren Segeltörns stellt sich eine innere, durch nichts gestörte Ruhe ein, wie sie nur auf See zu finden ist. Wir genießen diese Momente.

BraunDarf  Sie trotzdem fragen, wie Sie die Krankengymnastik in der Zukunft sehen?


Dumont:Wenn die bisherige Entwicklung konsequent weitergeführt und eine fortlaufende Qualitätssicherung erreicht wird, kann die Krankengymnastik auch in der Zukunft ihren Stellenwert in der Medizin sichern.

Braun:  Eventuell ist der Patient dann auch bereit, hierfür zu bezahlen?

Dumont:Sicherlich werden künftig die Patienten mehr als bisher mit eigenen Mittel für die krankengymnastischen Leistungen aufkommen müssen. Auch ich habe z.B. die physiotherapeutischen Behandlungen nach meiner Hüftoperation selbst bezahlt.

Braun:  Wie kam es dazu?


Dumont:Ich wurde von meiner Tocher behandelt. Nach den Behandlungen erfuhr ich, dass die Privatkassen die Behandlung von Familienangehörigen nicht vergüten.

BraunSie haben sich von Iher Tochter behandeln lassen. Ging das gut - Vater und Tochter?

Dumont:  Ja ich habe volles Vertrauen. Sie verfügt über ein sehr gutes Fachwissen, ist einfühlsam und hat gute Ideen.

Braun:  Wann waren Sie nach der Operation wieder voll einsatzfähig?

Dumont:  Nach etwa einem Jahr habe ich mich beim Regattasegeln wieder sicher gefühlt. Allerdings versuche ich noch heute, größere statische Belastungen zu vermeiden.

Braun:  Es gibt nach meinem Eindruck in Ihrer Laufbahn stets Phasen, die mit bestimmten Überschriften versehen sind und die Sie in den entsprechenden Zeitabschnitten mit sehr viel Engagement intensiv ausfüllen.

Dumont:Da geb ich Ihnen recht. Es hat auch in meinem Leben einige Zäsuren gegeben. Am Anfang waren Kindheit, Schule und der Krieg. Anschließend kamen die verschiedenen Berufsausbildungen, dann die berufliche Tätigkeit im Sport und schließlich der Aufbau der Krankengymnastik-Praxis. Dazwischen lagen die berufsständischen Aktivitäten im ZVK . Zum Abschluss der Segelsport und der Ruhestand. Rückschauend kann ich sagen, dass jedes Kapitel für sich eine interessante Herausforderung war.

Braun: Wenn Sie zurückdenken, woran erinnern Sie sich besonders gerne?

Dumont:In meinem beruflichen  Leben gab es viele positive Ereignisse, an die ich gerne zurückdenke. Es war immer schön, wenn ein Sportpatient für ein wichtiges sportliches Ereignis durch meine Hilfe zum Einsatz kam und gesund zurückkehrte.  So konnte ich z.B. einem deutschen Ringer nach einer Knieverletzung zur Teilnahme an der  Weltmeisterschaft verhelfen. Er kam gesund  und glücklich mit dem Titel nach Hause. Natürlich gehörte die Zeit mit dem FCK und der Einsatz bei den Olympischen Spielen zu den besonderen Berufserlebnissen.

BraunWas waren schwierige, unangenehme Erfahrungen?

Dumont:Schwierig waren beispielsweise die Auseinandersetzungen mit den Kostenträgern während meiner Vortstandstätigkeit beim ZVK.  Da waren einerseits die Vorgaben der Mitglieder, andererseits bestand die Notwendigkeit sich auf das Machbare zu einigen. Natürlich waren die Erwartungen immer höher als das mögliche Ergebnis. Dieser Spagat war für mich oft sehr belastend.

Braun:Wenn Sie heute einen Blick auf die Entwicklung der Krankengymnastik werfen, wie sehen Sie die Veränderungen, die sich inzwischen eingestellt haben?

Dumont:Sehr viel Einblick habe ich nicht mehr. Doch es fällt mir auf, dass im medizinischen Alltag einige individuelle Untersuchungs- und Behandlungsformen immer mehr durch aufwendige technische Verfahren verdrängt und ersetzt werden. Sicher sind die Errungenschaften der modernen Medizin segensreich und unaufhaltsam, dennoch haben sie den Nebeneffekt, dass die taktilen und funktionellen Untersuchungs- und Behandlungstechniken immer weniger geübt und dadurch vernachlässigt werden. Für einen Beruf wie den unseren, der auf dem so genannten "Fingerspitzengefühl" aufbaut, bedeutet diese Entwicklung eine Bedrohung, aber auch eine Chance. Die Krankengymnasten haben einiges zu bieten, was den blitzenden Apparaten fehlt, nämlich Hand, Herz und Gehirn. Jedoch müssen sie ihre funktionellen Fähigkeiten und manuellen Fertigkeiten fortlaufend weiterentwickeln. Gleichzeitig darf nicht nachgelassen werden, die Wirksamkeit und die Wirtschaftlichkeit des Berufes in der Öffentlichkeit unter Beweis zu stellen.

Braun:  Da kann ich Ihnen nur zustimmen!
Herr Dumont,  ich wünsche Ihnen noch wunderschöne und erfolgreiche Segeltörns!
Haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch!




                                                                    

   
    
    
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