" Zu Wasser und zu Land, aktiv sein im Ruhestand "

Seereise mit dem Trimaran  

Die "letzte" Tour

Schon vor dem Kaufentschluss zu unserer "DRAGONFLY 1000" hatten wir  geplant, für fünf Jahre "dem Sonnenuntergang entgegen zu segeln" und dann das Seesegeln zu beenden. Halbherzig und mehr zur Probe haben wir während des Winters unseren Tri  "online" zum Verkauf angeboten. Zu unserer Überraschung melden sich innerhalb weniger Tage fünf Interessenten. Da der derzeitige Liegeplatz in Port Saint Louis du Rhone,  für einen in Nizza lebenden französischen Segler günstig liegt, ist derselbe als Erster zur Besichtigung vor Ort. Er ist vom Zustand und der überkompletten Ausstattung des Bootes begeistert und erklärt sich einverstanden, dass die Übergabe des Schiffes erst nach unserem Abschiedstörn erfolgen kann.

Schon bei der Anfahrt zum dem an der Rhonemündung gelegenen Bootsliegeplatz PORT NAPOLEON, bläst der Mistral  mit vollen Backen durch das Rhonetal. Bei der Ankunft können meine Frau Elo und ich erleichtert feststellen, dass unsere "allez hop" den Winter unbeschadet überstanden hat. Selbst die Planenabdeckung ist noch straff gespannt, was bei den hier üblichen stürmischen Winden erstaunlich ist.  Nur der separat gelagerte Mast hat an zwei Salingen und dem Toplicht gelitten.          Der Golf de Lion zählt in den Wintermonaten zu den sturmreichsten Regionen der Erde. Im vergangen Jahr haben wir den Mistral  mehrfach erlebt und die Erfahrung gemacht, dass man das Aufkreuzen gegen diesen starken  N-NW Wind tunlich vermeiden soll.  Die typische Mistral-Konstellation ist ein Hoch über der Biscaya und ein Tief im Golf von Genua.  Wenn hier der Luftdruckunterschied 15 und mehr hp ausmacht, ist es soweit. Die Luft wird klar und das Barometer steigt ein wenig. Jetzt bleibt nur wenig Zeit um Schutz zu suchen.  

Unsere Indienststellungsarbeiten werden nach dem Mistral, durch einen starken Dauerregen und einem anschließenden SE-Sturm erschwert und verzögert.  Endlich nach acht Tagen können wir kranen und "allez hop" ins Wasser hieven.

                             

                     "allez hop" ... auf geht´s                                                                                              Inspektion des Toplichtes     

Am 03.05.01 legen wir gegen Mittag ab und fahren in dem eng betonnten Kanal zunächst unter Maschine. Als der SSW-Wind etwas auflebt, setzen wir im Golfo de Fos unsere Segel und kommen gut voran.  Die Sonne strahlt, nichts klemmt oder hakt, die Instrumente funktionieren, es ist einfach nur schön. Als Marseille  querab liegt, kreuzt ein großes Zollboot unseren Kurs. Ein Beiboot wird ausgesetzt und legt bei uns längsseits an. Drei Uniformierte steigen zu uns über, kontrollieren unsere Papiere, fragen nach dem letzten Hafen und durchsuchen sehr gründlich unser Boot. Währenddessen pflügt unser Tri  mit 11 Knoten Fahrt wie auf Schienen durch die ruhige See und das Zollbeiboot kommt kaum noch hinterher.  Doch den Zöllnern gefällt es bei uns und sie verlassen uns erst nach einer knappen Stunde. Am Abend erreichen wir den Vieux Port Ciotat, wo wir vor Muring mit Vorleinen festmachen. In einem winzigen Lokal in der zweiten Reihe krönen wir den guten Törnbeginn mit einem vorzüglichen Essen und einem guten Tropfen.

La Ciotat

                        

Die ganze Nacht über hat der Regen auf´s Deck getrommelt und beim Aufstehen bekommen wir nasse Füße. Denn durch eine leicht geöffnete Luke hatte der Wind eine Menge Wasser ins Schiff gedrückt.  Nach der Trockenlegung und dem Frühstück legen wir bei strömendem Regen ab.  Es bleibt den ganzen Tag über nass und grau. Der schwache E-Wind flaut immer mehr ab, so dass wir mit Motorkraft die Zufahrt nach Toulon  überqueren, die Ile de Porquerolles  passieren und Cap Benat  an backbord liegen lassen. Bei dem tristen Wetter hat auch unsere  Windmessanlege keine Lust mehr und ... streikt.  Am frühen Abend erreichen wir schließlich den Hafen von Le Lavandou.

                                                          

Der vakante Käufer unseres Tri  will in drei Tagen das Boot seiner Familie zeigen und bittet um eine Testfahrt.   Die Schlechtwetterfront ist durchgezogen und die Cote Azur  präsentiert sich in alll ihrer Pracht. Wir werden die Wartezeit nutzen um den Reiz der Riviera besser zu erkunden. Mit einem kleinen Mietwagen fahren wir die wunderschöne Küstenstraße entlang, lassen uns von dem Charme von Cannes, St.Tropez, Port Grimaud  und einigen vor den Seealpen gelegenen Dörfer bezaubern. Genießen die traumhaften Ausblicke  und die exotische Vegetation dieser gesegneten Landschaft.

      

                               Saint Tropez                                                                                                    Küstenpanorama 

                          

Nachdem wir den Mietwagen abgeliefert haben, machen wir Klarschiff. Als Madame et Monsieur mit Sohn eintreffen, blitzt und blinkt das Boot wie neu. Nach eingehender Besichtigung und spezieller Bedienungs-einführung legen  wir bei 14 Knoten (4 Bft.) SW-Wind ab. Unsere "allez hop" zeigt ihr wahres Potential und hinterlässt den besten Eindruck. Mit "Jean" am Ruder umrunden wir die vorgelagerten Inseln Port-Cros, Ile du Levant und  Porquerolles und kehren gegen Abend nach Le Lavandou zurück.  Wehmütig sehen wir in glückliche Gesichter und kommen schnell mit den Formalien  überein. Jean, wird in seiner Eigenschaft als Notar den Vertrag ins Deutsche übersetzen lassen. Im Juli sollen wir den Trimaran in Saint Raphael   übergeben.

Die Idee, an einem Multihull-Race  auf dem Ionischen Meer  teilzunehmen,wurde schon im Winter geboren. Um dem jetzt festgelegten Übergabetermin gerecht zu werden, planen wir die folgende Reiseroute:  Entlang der Westseite von Korsika und Sardinien, soll über Tunesien - Malta - Korfu, der Treffpunkt in Prevezza  erreicht werden. Nach dem Race, wollen wir um den Südteil Italiens herum, durch die Straße von Messina, über die Liparischen und Pontinischen Inseln, nach Elba zum Endpunkt Cote Azur  gelangen. Doch manchmal kommt es anders ...

von Le Lavandou nach Ajaccio

Mit Kurs Korsika legen wir am 08.05.01 ab. Nach dem wir aus der Küstenabdeckung heraus sind, setzt ein schwacher SW-Wind ein. Eine sehr unangenehme, querlaufende Dünung macht uns das Leben schwer. Wohl die Nachwehen des MISTRAL der letzten Tage.  Die schlagenden Segel, das Schaukeln und Stampfen sowie das auf und ab, machen uns Beiden zu schaffen. Erst als der Wind auffrischt, nach West dreht und wir wieder Fahrt machen, beruhigen sich unsere Mägen wieder. Wir kommen mit 10 Knoten Speed gut voran und eine Delfinschule versucht längere Zeit mit uns Schritt zu halten. Am späten Nachmittag begegnen wir einem Flugzeugträger, der sofort einen Hubschrauber zur Kontrolle startet. Wir werden von ihm einige Male umkreist  - ich dippe die Flagge, die Helikoptercrew grüßt zurück und dreht wieder ab.  Kurz vor Sonnenuntergang flattert ein winziger Vogel ins Cockpit, beäugt alles und fliegt weg. Nach dem er eine Runde ums Schiff gedreht hat, kommt er zurück und fliegt schwupps ins Schiffsinnere. Dort hüpft er piepsend ins Vorschiff und setzt sich schließlich auf ein Tuch in einer Ecke. Es ist Vollmond und die Sicht ist gut. Wegen der Kälte bin ich gut eingepackt und beobachte  einige mitschwimmende Delfine. Der rege Schiffsverkehr macht mehrfach Kursänderungen notwendig.  Vor dem Morgengrauen bekommen wir einen weiteren Gast. Eine Seeschwalbe sitzt auf den Instrumenten unter der Hutze. Aufgeplustert, das Köpfchen ganz munter bewegend bleibt sie sitzen bis wir Landnähe erreicht haben. Als es hell  wird, flattert sie zum rettenden Ufer. Als wir vorsichtig unter Deck nach dem anderen gefiederten Freund sehen, finden wir ihn leblos in seiner Ecke. Er war  an Erschöpfung gestorben.   Wir  durchsegeln die Passage Iles Sanguinaires  und haben wir die Ansteuerungstonne von Ajaccio voraus. Im Hafen Tino Rossi  machen wir dann am Schwimmsteg fest. Wegen dem hier bestehenden starken Schwell müssen wir "allez hop" kreuz und quer verspannen.  Nach einer warmen Dusche bummeln wir durch die Stadt, wo eine köstliche Soup de Poisson und ein Filet de Loup unser Wohlbefinden wieder herstellt.

                       

                    Golf von Ajaccio                                                           Uferpromenade                                          Genuesischer Wehrturm

Laut DWD  E-Wind 5 , zunehmend 6-7 Bft, böig.  Wir machen uns früh auf den Weg. Im Golf von Ajaccio  ist es schwachwindig. Auf der Höhe von Capo Muro beutelt uns eine starke Dünung aus SE. Je näher wir in den Bereich der Straße von Bonifacio  kommen, um so stärker wird Wind und Welle. In kürzester Zeit müssen wir zweifach Reffen. Trotz der stark verkleinerten Segelfläche wird es ein heißer Ritt mit Geschwindigkeiten von über 19 Knoten. Jedesmal wenn wir diese Seestraße überqueren werden wir von Rasmus  auf die Probe gestellt.

     

Nach knapp 9 Stunden und 75 Sm haben wir den kleinen Hafen von Stintino/Sardinien erreicht.  Gegen früher, finden wir hinter dem neuen Wellenbrecher einen geschützten Liegeplatz. Der kleine Fischerort hat sich seit unserem letzten Besuch, vor 11 Jahren, mächtig gemausert.  Nach dem Geldtausch, speisen wir gut und preiswert im Ristorante Lina.

              

                                 Hafen Stintino                                                                                             Fornelli-Passage

Als wir am 12.05.01 die Hafengebühr entrichten wollen, wird abgewinkt. Dafür fühlt sich niemand zuständig. Wir danken und legen ab.  Der Wind ist heute gnädig mit uns, denn die Fornelli-Passage ist nur bei ruhigem Wetter angesagt. Diese seichte Durchfahrt ist eine günstige Abkürzung, mit der man die Umrundung der Insel Asinaria , immerhin 20 Sm sparen kann. Der Einstieg  in die Passage ist kaum erkennbar. Sie ist zwar mit gemauerten Leitbaken und einem Wachturm auf der Insel Piana gekennzeichnet, doch die Richtzeichen sieht man erst wenn man kurz davor steht.  Nach der Durchfahrt empfängt uns eine lange Dünung aus SW. Bei mäßigem W-Wind segeln wir an gewaltigen Felsformationen vorbei und runden die 200 m steil aufragenden Klippen des Cabo Caccia  mit seinem imposanten Leuchtturm. 

Cabo Caccia

Schon aus großer Entfernung sind die mächtigen Wehrmauern mit dem Glockenturm und der Kuppel der Kathedrale von Alghero erkennbar.   An der Hafeneinfahrt empfängt uns ein Hafenboy der uns einen schönen Platz unterhalb der alten Festungsmauern zuweist.

                                     

                                                                                Hafen Alghero

Die Stadt wurde im 12. Jahrhundert gegründet und im 14. Jahrhundert von den Spaniern erobert. Die einheimische Bevölkerung wurde vertrieben und katalanische Bauern und Fischer angesiedelt. Bis heute hat die Stadt ihr spanisches Flair erhalten, viele der älteren Leute sprechen noch katalanisch und die Strassennamen sind alle zweisprachig ausgeschildert.  Die alten Häuser und Portale sind mit glänzenden Kacheln verziert. Nach der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten, führt unser Bummel durch die engen Gassen der Altstadt zu den Markthallen. Hier findet sich ein riesiges Angebot an Obst und Gemüse, sowie an Fischen und Merresfrüchten. Als unser Bedarf für die nächsten Tage gedeckt ist, geht es zurück zum Schiff.                Am Abend findet in der Nähe unseres Liegeplatzes eine Wahlveranstaltung der Sforza Italia  statt. Dabei wird debattiert, gesungen, getanzt und geklatscht. Das Ganze wird umrahmt von einer Disco-Band die in überlautstärke ihr Bestes gibt ....    Gute Nacht !

14.05.01: Bei ruhiger See, einem nördlichen Schnurpelwind und Sonne pur, segeln wir an endlosen Sandstränden entlang gen Süden. Nach etwa 40 Sm haben wir den Torre San Giovanni  erreicht. Wir runden das Capo San Marco und gehen an an seiner Ostseite auf 4 m Wassertiefe über gut haltendem Grund, vor Anker. Hier sind wir vor Winden aus SW bis NNW geschützt.  Vor uns liegen die Ruinen der punisch-römischen Stadt Tharros.

Capo San Marco

                                                                         Ruinen von Tharros

In der Nacht dreht der Wind auf SE und "allez hop" wird unruhig. Es ächzt und knarrt und das Boot zerrt nervös an der Ankerkette. Da wir in dieser Legerwallposition eh nicht schlafen können sind wir "stand by"    und legen vor dem Sonnenaufgang ab.  Unausgeschlafen  quetscht sich Elo  beim "Anker auf" vier Finger und muss erst versorgt werden.  Wegen einem militärischen Sperrgebiet im Golfo di Orestano  müssen wir einen großen Bogen machen. Es ist kalt geworden, da tut ein heißer Tee gut. Die Welle passt nicht zum Wind und verursacht  unangenehmes Kabbelwasser.

         

Der Wind frischt stark auf und dreht nach SW. Schon bald müssen wir beide Segel reffen. Es ist Zeit die Kampfmontur anzulegen. Schaumköpfe überall und die Wellen türmen sich auf.  Immer mehr brechen die Wellenkämme und das Sprühwasser fegt über das Deck. Inzwischen geht der Wind über 30 Knoten (7 Bft.). Trotz der rauen See rast unser Tri  zum Teil mit mehr als 19 Knoten über die Piste. Leider dreht der Wind immer mehr auf die Nase, so dass wir auf den letzten 20 Sm vor der Isola San Pietro  einige Kreuzschläge einlegen müssen. Als wir nach einer Wende über die Welle hinausschießen und in das Wellental hineinkrachen, bemerke ich auf der Steuerbordseite ein merkwürdiges Knacken ! 

Carloforte voraus

 Doch die Ansteuerung von Carloforte erfordert wegen den vielen Unter- und Überwasserfelsen höchste Aufmerksamkeit. Vor dem Hafen wird es flach und es ist beunruhigend, jede Einzelheit des Meeresgrundes klar erkennen zu können.  Entsprechend der Windrichtung machen wir im Hafenbecken von Carloforte an einem Schwimmsteg nahe der Südmole fest. Beim Anlegen nimmt ein Schiffsnachbar unsere Leinen an, was uns immer eine große Hilfe ist. Während wir unsere nassen Segelklamotten zum Trocknen aufhängen, fragt uns der Segler "ob wir auch Regatta segeln ? Die Art wie wir mit dem Schiff umgehen und unsere High-Tec Segel  würden darauf hindeuten." Im weiteren Gespräch stellt sich heraus, dass Heinz M.  mehrfacher Olympiateillnehmer der Schweiz in der Starboot-Klasse  war.

  

                                         Carloforte Hafen                                                                              Kontrolle der Wasserstage

Zusammen mit seinem Bootsmann versuchen wir  das ungesunde Knacken bei unserem Wellenritt zu ergründen.  Doch es scheint alles okey zu sein.  Wir werden zu einem Drink auf seiner Yacht - einer 50 Fuß SWAN - eingeladen.   Ein perfektes Schiff, mit dem er, seine Frau Luisa  und der Bootsmann Hein,  weltweit unterwegs sind. Zuletzt hat er damit zweimal das Antigua Race gewonnen. Die Einrichtung der Yacht ist vom Feinsten und die technische Ausstattung lässt keine Wünsche offen.

"Avviso di burrasca" krächzt der italienische Wetterdienst (Sturmwarnung aus SE). Ferner prophezeit er "mare molto mosso" , also grobe See. Die Vorhersage nimmt uns die Möglichkeit auf eine problemlose Tour nach Tunesien. Wir bescheiden uns mit einem Rundgang auf der Isola San Pietro, die ihren Namen dem Apostel Petrus, dem Schutzheiligen der Fischer verdankt. Die Insel bezieht ihren subtilen Reiz aus der Abgeschiedenheit, Stille und Improvisation und dem unverkrampften Kontakt zu den Insulanern.   In der Rückschau haben uns die "Metreolügner" mal wieder hereingelegt, der Wind war leicht und kam aus SW.

Nach dem wir uns von den Schweizer Segelfreunden verabschiedet  haben, legen wir am 16.05.01 frühmorgends ab und nehmen Kurs auf Bizerte/Tunesien. Als das Capo Sperone  querab liegt, geraten wir in eine schwere Kreuzsee, die uns kräftig durchschüttelt.  Elo  kommt aus der Kabine hoch und macht mich auf ein nicht identifizierbares Knarrgeräusch aufmerksam. Ich schaue nach, kann jedoch nichts erkennen. 

Der Wind kommt inzwischen immer mehr von vorne und nimmt kontinuierlich zu.  Die See wird bei 3 m Wellenhöhe immer ruppiger. Um nicht zu viel Höhe zu verlieren, müssen wir kreuzen.  Der Wind hat jetzt auf 28 Knoten (7 Bft.) zugelegt und wir bereiten ein zweites Reff vor. In einer besonder harten Welle ist plötzlich ein lauter Knall  auf der Steuerbordseite zu hören.  Elo will nach vorne stürmen, doch ich bestehe darauf, dass sie sich an der zum Bug laufenden Sicherheitsleine einpickt. Ein Überbordgehen bei der tobenden See könnte tödlich sein. Jetzt sehe ich auch, dass der Steuerbordschwimmer sich anders als der Mittelrumpf bewegt.  Ich schaue nach oben und sehe mit großem Schrecken, dass der Mast hin und her wackelt.  Elo  kommt zurück und berichtet, dass die Verankerung für das rechte vordere Wasserstag aus der Bordwand herausgerissen ist und dabei mehrere Löcher und Risse entstanden sind, durch die mit jeder Welle Wasser ins Vorschiff gedrückt wird.  Sofort nehmen wir die Segel weg und ändern unter Motor den Kurs.

 Unsere Position ist etwa 12 Sm südwestlich von Capo Teulada.  Der nächste Schutzhafen Porto Teulada liegt 6 Sm weiter in der Bucht. Elo versucht mit Putzlappen das Leck in der Bordwand zu verstopfen und sammelt die im Vorschiff schwimmenden Strümpfe und Wäschestücke ein. Um den im vorderen Bereich haltlosen Schwimmer zu stabilisieren, befestige ich am vorderen Beam zwei Leinen und führe die unter schwierigen Bedingungen unter dem Mittelrumpf hindurch, um sie auf der Gegenseite nach achtern umzuleiten und mit der Genuawinsch zu spannen.  Dem wippenden Mast gebe ich etwas Halt, indem ich das Großfall am rechten hinteren Beam befestige und kräftig dichtnehme. Die Bewegungen von Schwimmer und Mast sind jetzt geringer.

Leider nicht unsere Sorgen und Ängste, denn der Seegang ist immer noch sehr heftig. So behutsam wie möglich versuche ich die Fahrt dem Wellenbild anzupassen. Vor jeder harten Welle krampft sich mein Magen zusammen. Fünf Stunden nach dem Crash erreichen wir den einsamen Hafen von Port Teulada.  Zunächst bringen wir unsere völlig durchnässte Garderobe und Matratzen zum trocknen an Deck und lenzen das im Vorschiff stehende Wasser.  Hier und auch in der weiteren Umgebung gibt es kein Wasser, kein Strom, kein Telefon oder sonstige Versorgungsmöglichkeiten.  Zum Glück haben wir ein selten benutztes Mobiltelefon dabei. Damit verständigen wir die DRAGONFLY-Werft und die PANTAENIUS Versicherung, wo man uns technische Hilfe zusichert. Endlich können wir aufatmen, denn wir haben großes Glück gehabt. Wäre die Havarie einige Stunden später - also weiter draußen - passiert, hätten wir in der schweren See das Schiff und das Leben verlieren können.                          

                                                                       Zuflucht in Port Teulada 

Nach dem wir allmählich wieder Ordnung ins Schiff gebracht haben,  warten wir vergeblich auf den zugesagten Experten.  Also packen wir es an. Um eine Überführung zur nächstgelegen Werft in Cagliari zu ermöglichen, versuche ich mit bordeigenen Mitteln die Risse und Löcher abzudichten. Ich überklebe die Leckage schichtweise mit Tape. Mit zusätzlichen  Gurtverspannungen stabilisieren wir den Schwimmer.

Am Abend des 3.Tages kommt endlich der Versicherungsbeauftragte.  Er ist mit unseren Sicherungs-maßnahmen einverstanden und rät zur vorsichtigen Fahrt zur ca 35 Sm entfernten Werft bei ruhiger See. Um die nächtliche Beruhigung des Meere zu nützen, legen wir sofort ab und beten, dass die Verzurrung hält. Obwohl um das Capo Spartivento und vor Capo Pula eine unangenehme Kabbelsee steht, erreichen wir mit Zittern und Bangen nach neun Stunden die Werft Cantiere del Sole. Es ist noch tief dunkel und der Anleger schwer zu finden. Gott sei Dank haben die Hilfsmaßnahmen gehalten. Das Vorschiff ist trocken geblieben und neue Schäden sind nicht eingetreten. Wenig später steht der aus Genua angereiste Versicherungsagent vorm Schiff und inspiziert den Schaden. Die zur Reparatur erforderlichen Unterlagen und Hinweise werden von QUORNING BOATS angefordert.

                                                                                                

 

Unser krankes Schiff wird sehr umständlich an Land gehivt und abgestellt. Da es nicht möglich ist auf dem Schiff zu wohnen, müssen wir in ein Hotel ziehen. Inzwischen ist auch die Unfallursache geklärt. Das V-förmiges Stahlband an dem das Wasserstag verankert ist, war im Endbereich angeschweißt - jedoch nicht durchgehend sondern nur an zwei Punkten angeheftet. Die sich hieraus ergebende Sollbruchstelle war einlaminiert und darum nicht erkennbar. Der Gedanke, dass wir jahrelang mit einer "Zeitbombe" unterwegs waren macht uns sehr betroffen!

  

                         Die Bruchstelle  am Püttingeisen                                                          Gefügestörungen im Vorschiff                                          

Die Hoffnung auf einen zügigen Reparaturverlauf wird erheblich gedämpft. Als nach zwei Wochen noch kein Arbeitsbeginn erkennbar ist und alle Terminversprechungen unerfüllt bleiben, platzt mir der Kragen und ich werde -entgegen meiner Art- recht laut.  Ich muss ein paar Tage vom Werftgelände fern bleiben, um bei meinem Frust nicht auszurasten.  Etwas widerwillig macht sich der Werftchef Antoniello Mouti ans Werk.  Im Zeitlupentempo mit tagelangen Unterbrechungen geht die Instandsetzung sehr mühsam voran.  Die zermürbende Unsicherheit, ob die Werft überhaupt zur ordnungsgemäßen Reparatur geignet ist  und das nervige Warten, machen uns sehr zu schaffen. Auf dem Gelände leben 10 Hunde. Allmählich fühlen wir uns zu ihnen gehörend, denn sie laufen immer hinter Antoniello her - wie wir.  "Bonjour Tristesse".  Wir versuchen mit allen möglichen Arbeiten am Schiff uns die Zeit zu vertreiben. Inzwischen kennen wir  die Stadt Cagliari  und Umgebung wie unsere Westentasche.

Cagliari

Wegen eines Kongresses wird nach drei Wochen unser Hotelzimmer benötigt und wir brauchen ein Dach über dem Kopf.  Als Notlösung dürfen wir auf einem im Vorhafen liegenden Boot schlafen.  Unser Sohn René  ist eingetroffen. Er will während seines Urlaubes ein Stück mit uns segeln. Da wir ihn nur selten sehen, tut es uns sehr leid, dass wir ihm statt "Happy Sailing" die unwürdigen Verhältnisse auf der staubigen Werft zumuten müssen. Für ein paar Tage mieten wir ein Auto und erkunden den Südteil von Sardinien.

Inzwischen ist die Instandsetzung etwas voran gekommen. Wir haben einen Schiffsbauingenieur kennen gelernt und ihn um seine Meinung gebeten. Er bestätigt uns, dass die Arbeit in Ordnung ist. Jedoch soll auch die gegenüberliegende Seite in die Reparatur einbezogen werden.  Dies geschieht auch. Um besser voran zu kommen versucht René  den Werftchef  auf spanisch zu motivieren. Antoniello  scheint gewillt zu sein, die Arbeiten abzuschließen. Die letzten Löcher werden noch verschlossen und zwei Tage später hängt "allez hop" am Kran und kann nach vier Wochen endlich wieder schwimmen.   Durch die lange Unterbrechung sind unsere Reisepläne nicht mehr zu verwirklichen.     Unsere Teilnahme beim "Multihull Race " im Ionischen Meer, haben wir bereits abgesagen müssen.

Endlich

Wir atmen auf, endlich geht es am 12.06.01 weiter. Da René, als passionierter Schauspieler, ein neues Engagement bei den Münchner Kammerspielen  antreten muss, kann er nur noch einen Tag mitsegeln. Die Wasserstage müssen noch nachgespannt werden. und beim "Kurz-Check-Up" stellen wir leider fest, dass das auf der Werft erneuerte Multiview -Instrument nicht funktioniert und damit die gesamte Windmessanlage ausfällt. Bei 5 Bft. SE-Wind  legen wir ab und müssen sofort reffen.  Obwohl die See immer holpriger wird, machen wir "hoch am Wind" gute Fahrt. 

    

Es bläst immer mehr und wir müssen weiter reffen.  Plötzlich, aus heiterem Himmel ... ein Knall - ein reißendes Geräusch und der Baum fällt einen halben Meter tiefer.     Das Großsegel ist längs und quer eingerissen!         Auch das noch ...  wir holen das Segel ein und steuern mit Genua und Motorhilfe in den nächstgelegenen Hafen von Villasimus. Hier wird uns René  wieder verlassen.

Da alle elektronischen Geräte miteinander vernetzt sind, rufen wir Paolo  an. Er hat uns das neue Multiview-Gerät  verkauft und eingebaut. Er kommt noch am selben Abend  -  schraubt, stöpselt und probiert mit dem Ergebnis, dass schließlich garnichts mehr geht.  Er vermittelt uns einen Marineelektroniker, der am nächsten und übernächsten Tag die gesamte Bordelektronik testet und überprüft. Außer der Windmessanlage und dem Autopiloten, funktionieren die übrigen Instrumente jetzt wieder. Zur völligen Instandsetzung sollen wir nach Olbia kommen.   Elo hat das gerissene Achterliek des Großsegels mit einem Gurtband versorgt und einige Risse genäht. Die Bearbeitung des spröden Kohlefasersegels ist sehr mühsam und zeitaufwändig. Wir versuchen die verschiedenen Risse mit Segeltape zusätzlich zu verschließen, doch das delaminierte High-Tec-Material macht die Haltbarkeit der Klebestellen fraglich. Wir hoffen, dass  wir mit dem lädierten Großsegel an die Cote Azur kommen. Um dem neuen Eigner ein intaktes Segel übergeben zu können, bestelle ich über Jens Quorning ein neues Elvström Großsegel.   Es soll Anfang Juli nach Saint Raphael geliefert werden.

Die ersten Sonnenstrahlen schauen über die Hügel, als wir am 15.06.01 die von einem weißen Strand gesäumte Küste entlangfahren. Das Wasser ist hier glasklar und wir bedauern, dass wir in den letzten Tagen keine Zeit für dieses schöne Fleckchen Erde hatten.   Nachdem wir am Capo Carbonara den Kurs  ändern, setzt auch ein leichter ESE-Wind ein. Mit gemischten Gefühlen setzen wir das Großsegel. Mit unseren Näh- und Klebekünsten können wir zufrieden sein. Das Segel steht gut, das Achterliek ist okey und die Tapestreifen scheinen zu halten. 

  

Es ist sehr heiß und wir vermissen den Autopiloten. Doch zumindest das GPS und das Log machen wieder mit.   Der achterliche Wind schiebt uns gemütlich in nördliche Richtung am Capo Ferrata, Capo Palmeri und Capo Sterrocavallo vorbei. Nach knapp 11 Stunden haben wir das Capo Bellavista passiert und den Hafen von Arbatax erreicht.

Auch heute starten wir mit dem Sonnenaufgang. Bei einem strammen achterlichen Wind von 5 Bft, geht es flott voran. Das Wellenbild ist ziemlich konfus und wird zunehmend ruppiger.  Am Capo Monte Santo frischt der Wind stark auf. Wir reffen und sind trotzdem 18-19 Knoten schnell unterwegs. Ich sehe immer wieder nach oben und bete im Stillen ..."liebes Groß, halt bitte durch".   Als um die Mittagszeit der Wind über 7 Bft. hinausgeht, sehe ich, dass sich einige Klebestellen am Großsegel lösen.  Um das lädierte Segel zu retten, nehmen wir es sofort herunter.  Trotzdem sind wir mit 12 Knoten Speed noch zu schnell, um in der aufgewühlten See die Ansteuerungstonne auszumachen. Wir verkleineren die Genua bis auf Sturmsegelgröße. 

Die Ansteuerung von Ottiolu ist wegen der südlich gelegenen Unter- und Überwasserfelsen, vor allem bei schwerer See sehr stressig.  Im letzten Moment, wir sind schon querab, sieht Elo in einem Wellental die Tonne. Ich werfe die Maschine an und ändere den Kurs.  Zwar  ist im Vorhafen die Welle weg, doch der seitliche einfallende stürmische Wind macht uns beim Anlegen sehr zu schaffen.

                    

Hafen von Ottiolu

Eigentlich wollen wir heute, den 17.06.01 nach Olbia, um beim AUTOHELM-Service unsere "Elektronikbaustelle" zum Abschluss zu bringen.  Doch der Wind hat nach NW gedreht und weht mit 8-9 Bft. zu heftig. Leider liegen wir jetzt ungeschützt, quer zum Wind, so dass in den Böen die Luvseite unseres Schiffes angehoben wird. Wir belegen eine zweite Muring und ziehen eine lange Leine vom Heck zu einer Hafenecke.    Dicker Rauch zieht über die Marina und verdunkelt den sonnigen Tag. Hinter dem Berg ist ein großer Brand ausgebrochen. Den ganzen Tag donnern die Löschflugzeuge über uns hinweg. Der Qualm erschwert das Atmen und  das Deck wird von Brandrückständen übersät. 

Nachdem unser Tapevorrat aufgebraucht ist, hilft uns eine freundliche Italienerin mit ihrem Klebematerial aus.  So können wir dem lädierten Großsegel  einen besseren Halt geben.

Die ganze Nacht haben die Masten geklappert und der Wind hat in den Wanten geheult.  Es bläst weiter unvermindert stark. Wir können leider den Termin in Olbia nicht wahrnehmen und versuchen dort anzurufen. Zum Glück erreichen wir den Techniker, der uns in Villasimius geholfen hat. Er wird morgen vorbeikommen und das notwendige Material mitbringen. Wegen des starken Seitenwindes, halten wir Windwache und verbringen den Tag mit Putzen, Reparieren und Lesen.


Ein großer Nashornkäfer hat wohl die Kurve nicht gekriegt und liegt im Salon auf dem Rücken. Vorsichtig bringen wir ihn an Land. Wie versprochen kommen die Elektronikfachleute. Gut dass der Wind nachgelassen hat, so kann problemlos die Windpeitsche im Masttop ausgetauscht werden. Als auch der Autopilot eine neues Steuergerät bekommt, funktionieren alle Geräte wieder. Seit langem ist unsere Bordwelt wieder in Ordnung. Ein gutes Gefühl.

Als uns die ersten Sonnenstrahlen erreichen, legen wir am 20.06.01 ab. Der NW-Wind ist zunächst mit 8 Knoten moderat und die See ist ruhig. Nach dem wir die Ostseite der Isola Tavolara passiert haben, registrieren wir einen mit 2 Knoten nach SSE setzenden Strom, was sich auch in dem mäßig bewegten Wellenbild zeigt.  

                 

Die Straße von Bonifacio zählt zu den windreichsten Ecken des westlichen Mittelmeeres. Die Meeresenge zwischen den großen und hohen Inseln Korsika und Sardinien wirkt wie eine Düse. Selbst wenn weite Teile des westlichen Mittelmeere in einer bleiernen Flaute schmoren, kann einem der Wind hier heftig um die Nase pfeifen. Grund dafür ist die Thermik, die über diesem schmalen Wasserarm entsteht und durch den Düseneffekt sowie den Meeresströmungen verstärkt wird. Man sagt, dass es an dieser Kante immer zwei Windstärken mehr weht, als außerhalb.   So ist es auch heute.  

 Nach der Mittagszeit nimmt der Wind schnell auf 22 Knoten (6 Bft.) zu, und dreht auf West. Da die Windsee und die Strömung sich entgegenlaufend verhalten, kommt es zu einem unangenehmen Kabbelwasser.  Durch unsere früheren Erfahrungen gewarnt, binden wir frühzeitig ein zweites Reff ein. Nach einem schnellen und holperigen Ritt erreichen wir am Nachmittag Pte de la Chiappa.

      

Von hier an müssen wir uns an das betonnte Fahrwasser halten, das uns durch die große geschützte Bucht, zu dem sehr schön gelegenen Yachthafen von Porto Vecchio führt. Die alte befestigte Stadt liegt zu Füßen einer herrlichen Berglandschaft. 

Bevor wir am nächsten Morgen die Leinen loswerfen, müssen wir das Großsegel mit neuem Tape versehen. Bei einem SW-Wind von 12 Knoten (4 Bft.) verlassen wir den Hafen und ziehen zügig den Tonnenstrich entlang. Als wir aus der Küstenabdeckung heraus sind, legt der Wind kurzzeitig bis 24 Knoten  (6 Bft.) zu, um dann wieder auf 4 Knoten (2 Bft.) abzuflauen und nach NE zu drehen.  Wegen den Fischernetzen und einigen versandeten Flussmündungen halten etwa 1,5 Sm Abstand zur Küste.   Bei einem Kontrollgang hat Elo einen 12 cm langen Haarriss am Decksübergang, auf Höhe  der Reparaturstelle, entdeckt.  Ich mache mich gleich ans Werk und verschließe die Fissur mit Gelcoat.   Nach 60 Sm haben wir die schwer auszumachende Ansteuerung von Port de Taverna / Campolore erreicht.  Durch den auflandigen Wind bricht sich hier die See auf den Untiefen vor der Hafeneinfahrt, die sehr schmal und recht flach ist. Im Hafen selbst findet man jedoch einen guten Schutz.

Am 22.06.01 ziehen wir bei umlaufendem Wind in Richtung Norden weiter. Als Bastia querab liegt, setzt ein leichter NE-Wind ein, der im weiteren Verlauf nach rechts dreht und kontinuierlich zunimmt. Als ich den gestern versorgten Haarriss glatt schleifen will, sehe ich mir Schrecken, dass der Spalt wieder offen ist. Gleichzeitig ist bei jeder Welle ein Knarren zu hören und der jetzt 15 cm lange Spalt klappt mit den Schiffbewegungen auf und zu.     Mist ... dieses Jahr bleibt uns auch nichts erspart.    Um die Bewegungen des Beams einzuschränken, lege ich eine Leine von der Beamaußenseite nach innen fixiere sie am Mittelrumpf. Mit einem Quengel bringe ich die Leine auf Spannung.  Wir sind besorgt und hoffen, dass Wind und Welle mit uns gnädig sind:   Wie oft, so legt der Wind auch heute vor der Ankunft in Macinaggio kräftig zu. Bei 24 Knoten (6 Bft.) Seitenwind ist das Anlegen an einer Kettenmuring mit einem leichten Swing-Wing-Trimaran, für eine Zweimanncrew eine harte Herausforderung.       Da es zu riskant ist mit dem erneuten Schaden weiter zu segeln, ist unser erster Gang zu der einzigen Werft vor Ort. Dort  verspricht man uns , dass nach dem Wochende, also in 3 Tagen, der Schaden behoben wird. 

Hafen Macinaggio

Beim Nachspannen der Wasserstage, zeigt sich  an der Bordwand über dem Püttingsansatz ein kleiner Spannungsriss.  Das Großsegel muss wieder mit neuem Tape beklebt und verstärkt werden.      Wir nutzen die  Wartezeit  um das Boot rundum für die baldige Übergabe klar zu machen. Dabei ist  es ungewiss, ob der vorgesehene Eigner nach der erfolgten Havarie noch am Kauf interessiert ist.  Wenn nicht - nun, dann behalten wir es eben!           Mit der Pünktlichkeit nimmt man es auch hier nicht so genau.  Erst  nach mehrmaliger Nachfrage werden die Risse aufgefräst, eine Fiberglasmatte aufgelegt und mit Gelcoat  abgedeckt.  Für den letzten Schliff müssen wir noch einen Tag zulegen.  

Die Wetterlage für eine Überfahrt an die Riviera ist günstig. Am Abend des 26.06.01 lösen wir die Leinen. Der SE-Wind weht mit 22 Knoten (6 Bft.) und wir sind gut unterwegs. Schon bald passieren wir die dem Cap Corse vorgelagerte Ile de la Giraglia.

 

                                       Ile de la Giraglia                                                                                Überfahrt zur Riviera

Nach dem Sonnenuntergang geht der Wind auf 14 Knoten (4 Bft.) zurück und dreht nach NE. Die Welle ist moderat und "allez hop" läuft wie auf Schienen. Es ist Neumond und stockdunkel. Etwas unheimlich ist es schon, wenn man mit 10 Knoten Fahrt in die Dunkelheit segelt und nicht weis ob voraus irgendein Hindernis auf der Lauer liegt.   Um Mitternacht kreuzen einige Schnellfähren unseren Kurs.   Zur Kontrolle gehe ich mit der Lampe nach vorne und betrachte die Reparaturstelle ... verdammt ... es hat nicht gehalten. Schon wieder ist am Beamansatz ein Riss entstanden.   Unsere Stimmung geht erneut auf Talfahrt.  Ich gehe unter Deck und taste hinter dem Schrank die Wand ab und spüre, dass bei jeder Welle zwischen dem Hauptschott und der Bordwand ein deutliche Bewegung abläuft. Diese Gefügestörung ist offensichtlich die Ursache für die ständigen Risse. Mit einem Stundendurchschnitt von 8,9 Knoten erreichen wir am frühen Morgen den Hafen von San Remo, wo wir im Portsole zwischen Mega-Motoryachten festmachen.

San Remo

Elo, meine liebe Frau und zuverlässiger Partner in allen Lebenslagen, hat heute Geburtstag. Wir wollen es  ruhig angehen. Wir schlendern durch die reichen Gärten der Blumenstadt die in vielfarbiger Pracht erstrahlen, und bewundern die tropische Vegetation, die üppig im Stadtpark gedeiht.    In dem älteren Teil der Stadt  "La Pigna", findet man sich im Mittelalter wieder; mit am Hügel hochgeschachtelten Häusern, mit steilen Gässchen, überdachten Durchgängen und kleinen Plätzen.   Die moderne Stadt transformierte dagegen in wenigen Jahren einen kleinen Fischerort in ein elegantes Touristenzentrum.       Mit einem vorzüglichen  Dinner beschließen wir einen entspannten Tag.

Laut Wetterbericht wird am 28.06.01 für den Golf von Lion  Mistral erwartet, im Bereich Ligurisches Meer, also hier, sei mit schwachem SW-Wind zu rechnen.     Der Himmel  ist bedeckt und es ist sehr schwül. Wir lösen die Leinen und verlassen den Schutz der Mega-Yachten. Da bereits im Hafenbecken der E-Wind mit 25 Knoten (6 Bft.) weht, setzen wir sofort das Großsegel und binden ein Reff ein.  In der Hafenausfahrt steht uns eine bedrohliche Grundsee entgegen, die das ganze Schiff erzittern lässt und nur mit voller Motorkraft überwunden werden kann.  Nach etwa 9 Sm guter Fahrt, dreht Rasmus den Schalter um, und der Wind ist weg. Wir reffen wieder aus. Das Schiff dümpelt jetzt in der Restwelle bei umlaufenden Winden.  An der Küste erkennen wir die Skyline von Monaco.  Allmählich setzt sich die östliche Komponente durch und der rasant zunehmende Wind wird immer böiger und pendelt zwischen ENE bis NNE. Das häufige Halsen bei dem starken Wind, ist besonders für meine Frau gefährliche Schwerstarbeit. Während ich mühsam das Großsegel dichtnehme, muss sie auf der Sitzbank stehend  den Bullenstander auf der einen Seite aushängen, schnell auf der Gegenseite wieder einhängen und das Groß fieren.  Inzwischen zeigt der Windmesser in den Boen mehr als 40 Knoten (8-9 Bft.) an und der Tri wird raketenhaft beschleunigt. Nur gut, dass wir angeleint sind.  Bei Geschwindigkeiten über 15 Knoten wird jeder Messwert uninteressant, man hat wichtigere Dinge zu tun.  

Schwere See von achtern

Die Wellenhöhe bei Sturm zu schätzen ist kaum möglich. Mag die Höhe der heranrollenden Wellen an sich schon furchterregend sein, wirklich gefährlich sind die Schaumstreifen der Wellenkämme, deren Vorderfronten so schroff wie Felskanten abfallen. In dieser See kann man nicht beidrehen, also das Boot passiv treiben lassen. Es bleibt nur noch, vor dem Wind mit kleinster Segelfläche abzulaufen. Wobei man die Wellenzüge etwa 30 Grad von achtern nehmen sollte.  Das hört sich einfach an, aber die Wellen sind oft unberechenbar. Hier entsteht mal eine Lücke, dort schlucken und verstärken sich zwei Türme, oder andere fallen zusammen. 

Bedrohliche Wasserwände

All das erfordert schnelle Reaktionen und das Gefühl dafür was die Wellen vorhaben, um ihnen mit entsprechendem Ruderlegen begegnen zu können.  Nachdem unser Trimaran einige Male über die Welle hinausgeschossen ist, überlege ich wie wir die irre Geschwindigkeit verringern können, denn der kleinste Steuerfehler könnte zum Unterschneiden eines Schwimmers und damit zum finalen Überschlag führen  Wir haben doppelt gerefft und die Genua auf Sturmfockgröße verkleinert. Der Versuch das durchgelattete Großsegel ganz weg zu nehmen, gelingt leider nicht.  Unter diesen Bedingungen ist neben körperlicher Höchstbeanspruchung, größtmögliche Konzentration erforderlich.   Schließlich gelingt es uns hinter den auf einer Landzunge befindlichen Flughafen von Nizza zu steuern. Durch  die Landabdeckung ist  hier die See wieder moderat.  Hier liegt auch der geschützte  Port Saint-Laurent-du-Var., den wir anlaufen.  Widerwillig gibt man uns einen Liegeplatz den wir bald darauf wieder verlassen müssen. Nach längerer Wartezeit weist man uns in eine freie Box ein.         Wieder einmal war die Wettervorhersage irreführend. Es ist nicht zu verstehen, dass hochbezahlte Spezialisten, denen die schnellsten Computer zu Verfügung stehen, solche Fehlmeldungen produzieren können. Würden Meterologen nach Erfolg bezahlt, so könnten sie bald zu Sozialhifeempfängern werden.    Aber auch das Barometer hatte uns nicht gewarnt, denn es zeigte gravierenden Änderungen erst an, als wir bereits im Hafen lagen. Zwar soll der Barograph  eine Vorwarnzeit von 3 Stunden haben, doch eine sichere Vorhersage ist das in diesen Breiten nicht. Meines Erachtens ist erst die Verbindung mit einer aktuellen Wetterkarte, in der Summe aller Informationen hilfreich.          Egal  - wir haben das Gefühl heute in kritischen Situationen das Richtige getan zu haben. Das Schiff hat hervorragend funktioniert. Wir sind heil geblieben, die Spannungsrisse am Beamansatz sind nicht größer geworden und selbst das lädierte Großsegel hat den Sturm überstanden

Unser Speedometer hat einen maximalen Speed von 22,8 Knoten  registriert. Das ist für einen Fahrtentrimaran eine sagenhafte Geschwindigkeit und unser eigener Rekord! 

Schweren Herzens verständigen wir den künftigen Eigner von DF 1028 , dass das Boot bald zur Übergabe bereit ist.     "Jean"  hat bereits in Saint Raphael einen Liegeplatz organisiert.  

Saint Raphael - das künftige Zuhause von "allez hop"

Am 29.06.01  starten wir zu unserem letzten Tagestörn mit  "allez hop". Der  Wind ist mit 12 Knoten (4 Bft) moderat und die See ist relativ ruhig.  Der Tri  scheint zu ahnen, dass uns der Abschied nach fünf Jahren zu schaffen macht. Er benimmt sich vorbildlich und überholt ausnahmslos alle Yachten die mit uns unterwegs sind. Auch das Herumreißen an den Schoten und die lauten Manöverkommandos helfen den beiden größeren Regattaschiffen nichts, an denen wir hoch und schnell vorbeiziehen.Mit entgeisterten Blicken schauen sie uns mit dem Fernglas hinterher. Als der Wind auf SW dreht, legen wir einige Kreuzschläge ein.  Das Schiff läuft wie auf Schienen.  Seglerisch ist der letzte auch der schönste Tag dieser Reise.   Sonne, Wind und Meer, alles optimal.   Doch leider müssen wir von einem Höhepunkt des Segelns wieder herunter zur Bodenstation und so erreichen wir viel zu schnell den Hafen von Saint Raphael, wo wir im Port Santa-Lucia, zunächst im nördlichen Teil festmachen.  

  Ziel erreicht ...

Doch leider ist der für "Jean" reservierte Platz noch belegt. Wir werden in das südliche Becken verwiesen. Beim Ablegen nimmt Elo beide Vorleinen weg, bevor ich die Achterleine lösen kann. Prompt kommt die Muring in unsere Schraube. Nach mehreren Tauchgängen im öligen Hafenwasser bekomme ich den Propeller frei. Da die zugewiesene Anlegestelle im Südteil sich nahe der Einfahrt befindet, liegen wir recht unruhig im Schwell. Nach zwei Tagen wird der reservierte Platz frei und "allez hop"  kann verlegt werden. Inzwischen wir haben eine Fachmann für die Reparatur am losen Hauptschott gefunden. Die restlichen Havarieschäden werden in den nächsten Tagen auf unsere Kosten durchgeführt.                                     Mit "Jean" werden die abschließenden Vereinbarungen getroffen. So wird er sich an dem neuen Großsegel zur Hälfte beteiligen (12.000 DM). Da die Havariefolgen nahezu beseitigt sind, steht der Übergabe nichts mehr im Wege. Nach umfangreichen Einweisungen in die Swing-Wing-Technik und  in das Handling verschiedener Geräte, machen wir eine Übungsfahrt und übergeben die Schlüssel und Papiere.

Wenn auch die "letzte Tour" ihre Schattenseiten hatte, insbesondere durch die Havarie und ihre Begleiterscheinungen,  so haben wir insgesamt gesehen  in den 22 Jahren, in denen wir auf See unterwegs waren, einzigartige Erlebnisse und  viel Glück  gehabt.                                                               

Der  Abschied von       fällt uns schwer.  "Ein Boot ist halt nicht nur ein Boot" es ist sehr viel mehr.  Die brillianten Segeleigenschaften und die vielseitigen Eindrücke, haben sich tief eingeprägt und werden für uns unvergesslich bleiben.  Dafür sind wir dankbar. "Es war eine schöne Zeit".

Wir werden weiter  mit unserem Schwertzugvogel "dem Sonnenuntergang entgegen segeln", auf Regatten und dem heimatlichen Otterstädter Altrhein.

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Reisedaten:

 Port Saint Louis du Rhone  -  La Ciotat  -  Le Lavandou  -  Ajaccio (Korsika)  - Stintino (Sardinien)  - Alghero - Capo San Marco  -  Carloforte (Isola San Pietro) - Havarie auf See -  Port Teulada  - Cagliari  - Villasimus  -  Arbatax  -    Porto Ottolio  - Porto Vecchio (Korsika)  -  Taverna/Campolore  -  Macinaggio  -  San Remo  - Saint Laurent de Var  -      Saint Raphael.

Gesamtstrecke  =   1.165 Seemeilen

Unter Segel  955 Seemeilen  ( 82 %)  unter Motor  210 Seemeilen  (28 %)

maximaler Speed  22,8 Knoten

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Route:

Skipper und Autor: Willy Dumont

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